Schweißnahtprüfung und ZfP: was „alle Nähte geprüft“ wirklich bedeutet

Bei der Übergabe der Halle bekommt der Bauherr einen Ordner, und darin ein Blatt: „alle Nähte geprüft, ohne Beanstandung“. Das klingt beruhigend — bis Sie fragen, wer geschaut hat, womit, wie viele Nähte und nach welchem Kriterium. Denn der Unterschied zwischen „der Schweißer hat seine eigene Arbeit angesehen“ und „ein zertifizierter ZfP-Prüfer hat 20 % der Stumpfnähte mit Ultraschall auf Bewertungsgruppe B geprüft“ ist keine Formalie: Es ist der Unterschied zwischen einer Halle, der man aufs Wort glaubt, und einer Halle, der man auf Nachweis glaubt.
Warum man eine Naht nicht einfach ansehen kann
Die gefährlichsten Nahtfehler sind nicht die sichtbaren. Eine Einbrandkerbe oder eine schlechte Nahtgeometrie fällt ins Auge; aber ein Bindefehler in der Wurzel, ein Schlackeneinschluss oder ein Riss in der Tiefe sehen von außen wie eine perfekte Naht aus — und genau sie schneiden die Tragfähigkeit des Querschnitts weg. Deshalb kombiniert die Norm zwei Dinge: eine Sichtprüfung an allem und tiefer gehende Verfahren an einer Stichprobe, deren Umfang mit der Ausführungsklasse wächst.
Und es gibt eine Zeitfalle, auf die kein Laie käme: Manche Risse — vor allem wasserstoffinduzierte — entstehen nicht sofort, sondern verzögert, nachdem die Naht abgekühlt ist. Deshalb schreibt die Norm eine Mindestwartezeit vor der Prüfung vor, von einigen Stunden bis über einen Tag, abhängig von Stahlfestigkeit, Blechdicke und Wärmeeinbringung. Eine Prüfung „gleich nach dem Schweißen“ kann zu früh erfolgt sein — und gilt dann formal nicht.
Vier Verfahren, die Ihnen im Prüfbericht begegnen
Sichtprüfung
Oberfläche: Nahtgeometrie, Schweißspritzer, Einbrandkerben, nicht durchgeschweißte Wurzel
Auge, Schweißnahtlehre und gutes Licht — an 100 % der Nähte, immer
Eindringprüfung
Zur Oberfläche hin offene Risse, an jedem Werkstoff
Ein farbiges Prüfmittel dringt in den Riss ein, der Entwickler zieht es als sichtbare Anzeige heraus
Magnetpulverprüfung
Oberflächenrisse und knapp unter der Oberfläche liegende Fehler an ferromagnetischem Stahl
Magnetfeld plus Eisenpulver, das sich am Riss sammelt
Ultraschallprüfung
Das Innere der Naht: Bindefehler, Einschlüsse, Risse in der Tiefe
Der Schallimpuls wird am Fehler reflektiert; Standard für Stumpfnähte dickerer Bleche
Die Einteilung ist einfach: VT, PT und MT sehen die Oberfläche, UT sieht das Innere. Deshalb wird für zugbeanspruchte Stumpfnähte — die kritischste Stelle des Tragwerks — in der Regel Ultraschall verlangt, für Kehlnähte Eindring- oder Magnetpulverprüfung. Das Prüfpersonal muss nach EN ISO 9712 qualifiziert sein — also ein zertifizierter ZfP-Prüfer, nicht der Schweißer, der seine eigene Arbeit begutachtet.
Was die Prüfung an Ihrer Halle wirklich umfasst
Sichtprüfung — jede Klasse, ohne Ausnahme
100 % der Nähte
Zusätzliche ZfP (Querstumpfnähte)
10 %
Geforderte Nahtqualität (EN ISO 5817)
Bewertungsgruppe C
Schweißtechnisches Qualitätssystem (EN ISO 3834)
EN ISO 3834-3 (Standard-Qualitätsanforderungen)
Dokumentation, die Sie verlangen dürfen
WPS, Schweißerprüfungen, ZfP-Berichte, Rückverfolgbarkeit durch Kennzeichnung
* Die Prozentsätze beziehen sich auf die zusätzliche ZfP an Querstumpfnähten nach Tabelle 24 der EN 1090-2; für andere Nahtarten schreibt die Norm eigene Umfänge vor. Die Ausführungsklasse legt der Tragwerksplaner fest, und EXC4 verlangt alles aus EXC3 plus besondere Kriterien für projektbezogene Verbindungen.
Was „10 %“ wirklich bedeutet — und wann daraus 100 % werden
Der Prozentsatz ist keine Zufallsstichprobe für die Statistik. Er ist eine Prüfung des Vertrauens in den Prozess: Ist die Fertigung unter Kontrolle, bestätigt die Stichprobe das. Findet sich in der Stichprobe aber ein unzulässiger Fehler, wird die Prüfung ausgeweitet — geprüft werden die benachbarten Nähte desselben Schweißers und desselben Verfahrens, bis der Umfang des Problems feststeht. Ein schlechter Befund an einer Naht heißt nie „diese eine nachbessern und weiter“.
Dazu kommt ein Detail, das Angebote gern überspringen: Eine reparierte Naht wird erneut geprüft, mit demselben Verfahren. Die Reparatur ist nicht das Ende der Geschichte, sondern eine neue Naht, die dasselbe Kriterium bestehen muss. Im Prüfbericht erscheint das als zweite Kennung derselben Naht — und genau daran erkennen Sie eine Dokumentation, die ehrlich geführt wurde.
Ein zweites, oft verschwiegenes Detail: Die Prozentsätze der Tabelle gelten für Querstumpfnähte — jene, die Zug über den ganzen Querschnitt übertragen. Kehlnähte, Längsnähte und gering beanspruchte Nähte haben eigene, meist kleinere Umfänge. Ein Angebot, das „ZfP 20 %“ sagt, ohne zu sagen, worauf sich der Prozentsatz bezieht, hat nichts Überprüfbares gesagt.
Ein Prüfbericht, der etwas wert ist, enthält diese sechs Angaben
- Welche Nähte geprüft wurden — Kennungen auf der Zeichnung, keine „repräsentative Stichprobe“ ohne Liste.
- Mit welchem Verfahren und nach welcher Prüfnorm.
- Nach welchem Annahmekriterium — Bewertungsgruppe B, C oder D nach EN ISO 5817; ohne Gruppe ist der Befund mit dem Vertrag nicht vergleichbar.
- Wer geprüft hat — Name und Zertifikat nach EN ISO 9712, mit Stufe und Verfahren.
- Wann — das Datum im Verhältnis zum Schweißdatum, wegen der Wartezeit.
- Was mit Reparaturen geschah — Befund, Nachbesserung und erneute Prüfung derselben Naht.
Und umgekehrt — was in einer seriösen Dokumentation nicht steht: der Satz „alle Nähte geprüft, ohne Beanstandung“ ohne eine einzige der obigen Angaben. Das ist kein Prüfbericht, das ist ein Eindruck. Zu den ZfP-Berichten gehören die WPS (Schweißanweisungen) und die Schweißerprüfungen — welches Dokument was belegt, haben wir im Artikel zu EN 1090-2 und den EXC-Klassen beschrieben.
Was Sie vor der Unterschrift fragen sollten
- Welche Ausführungsklasse gilt — denn aus ihr folgt alles Weitere?
- Welche Bewertungsgruppe nach EN ISO 5817 gilt für die Nähte meiner Halle?
- Wer macht die ZfP — eigener zertifizierter Prüfer oder ein externes Prüflabor — und nach EN ISO 9712?
- Auf welche Nähte bezieht sich der genannte ZfP-Anteil?
- Bekomme ich Prüfberichte je Naht in der Übergabedokumentation, mit Reparaturen?
- Was passiert, wenn ein Befund nicht in Ordnung ist — wie wird die Prüfung ausgeweitet und wer trägt die Kosten?
Die Schweißnahtprüfung ist die einzige Stelle, an der sich die Qualität einer Halle mit einer Zahl statt mit einem Eindruck belegen lässt. Alles andere — die Ordnung im Betrieb, die Zertifikate an der Wand, die Jahre der Erfahrung — spricht über Wahrscheinlichkeiten; der ZfP-Bericht spricht über diese konkrete Halle. Wie das Geschweißte geschützt wird, haben wir im Artikel zum Korrosionsschutz aufgeschlüsselt, und was mit den Schrauben ist, die all das verbinden, im Artikel zu Schraubverbindungen.
Wenn Sie Abmessungen, Nutzung und die Angabe zum Kran haben, beginnen wir dort: Anfrage mit Abmessungen.
Häufige Fragen
Die Sichtprüfung (VT) erfasst 100 % der Nähte, in jeder Ausführungsklasse. Die zusätzliche zerstörungsfreie Prüfung (ZfP) an Querstumpfnähten hängt von der Klasse ab: EXC1 0 %, EXC2 10 %, EXC3 20 % (EN 1090-2, Tabelle 24); EXC4 verlangt alles aus EXC3 plus besondere Kriterien für projektbezogene Verbindungen. Für andere Nahtarten schreibt die Norm eigene Umfänge vor.
Deutsche Fassung des kroatischen Originals: Kontrola zavara i NDT: što „svi zavari pregledani“ stvarno znači.